7 Tools, um die Bibel besser zu verstehen

Es kann sehr viel Spaß machen, die Bibel auszulegen. Die Theologie hat daraus eine ganze Wissenschaft gemacht, die sie Hermeneutik nennt. Das ist die Lehre von dem Erklären und Verstehen eines Textes. Wenn wir uns mit einem schwierigen Vers oder Abschnitt abmühen oder einen größeren Zusammenhang nachvollziehen wollen, kann Hermeneutik durchaus auch in Arbeit ausarten. Aber die Hermeneutik gibt uns auch Werkzeuge an die Hand, die jedem Christen helfen, mit größerem Gewinn seine Bibel zu lesen.


1. Gottes Wort ist die Wahrheit


Oft wird empfohlen, als Erstes den Zusammenhang zu betrachten, in welchem der Text eingebettet ist. Ich möchte diesen Schritt ganz bewusst an die zweite Stelle setzen. In unserer Zeit ist es am wichtigsten, sich grundsätzlich mit dem Thema Wahrheit auseinanderzusetzen. Im postmodernen Denken gibt es keine absolute, objektive Wahrheit mehr, folglich kann auch kein Autor so ernst genommen werden, als müsste man seinen Text für wahr halten. So kann sich jeder seine eigene Wahrheit basteln, was man dann Relativismus nennt.


Die Bibel definiert Wahrheit als das, was der Wirklichkeit entspricht. Die Texte der Bibel wurden nicht geschrieben, um sie von den Lesern so lange verbiegen zu lassen, bis sie dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. So haben sich das weder die Menschen vorgestellt, welche an der Bibel mitgeschrieben haben, noch Gott selbst, der sie beim Schreiben inspiriert hat. Vielmehr hatte jeder Autor ganz bestimmte Wahrheiten zum Thema, die er den Lesern vermitteln wollte. Dies ist ein zentraler Punkt. Die Bibel ist Gottes Mittel, um sich den Menschen vorzustellen und sie offenbart uns das Wesen Gottes. Wir können Gott durch die Bibel kennenlernen. Entsprechend wichtig ist es, dass wir die Wahrheiten verstehen, die Gott uns in der Bibel offenbart. So können wir Gott besser verstehen.


2. Der Zusammenhang ist wichtig


Der Textzusammenhang spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Zunächst steht jeder biblische Text in einem historischen Zusammenhang, er ist Teil einer Kultur, einer Zeit und eines Ortes. Je mehr wir darüber wissen, desto mehr Inhalt können wir einem Text entnehmen und in der richtigen Weise auf unsere Zeit übertragen. Darüber hinaus muss man auch den sprachlichen Zusammenhang beachten, in dem ein Text steht. Immer wieder neigen wir dazu, einen einzelnen Vers herauszugreifen, ohne darauf zu achten, dass er Teil eines längeren Textes ist. Auch vor und nach unserem wichtigen Vers stehen Gedanken und Inhalte, die zusammenfließen und gemeinsam betrachtet werden müssen.


Jedes Wort ist Teil eines Satzes. Jeder Satz gehört zu einem gedanklichen Zusammenhang. Dieser steht in einem Buch oder einem Brief. Jedes Buch der Bibel gehört einer bestimmten Gattung von Büchern an, welche Teil des Alten oder des Neuen Testamentes ist. Die beiden Testamente bilden die Bibel. Es ist wichtig, jeden Textausschnitt als Teil der ganzen Bibel zu sehen und bei der Auslegung zu bedenken, wo der Text in der Bibel seinen Platz hat. Diese Betrachtungsweise der gesamten Bibel führt uns auch zum nächsten hermeneutischen Werkzeug.


3. Die Bibel erklärt sich selbst


Die Bibel ist eine Sammlung von göttlich inspirierten Schriften. Sie wurden von vielen verschiedenen Autoren verfasst, die an verschiedenen Orten lebten, und sie entstanden über einen sehr langen Zeitraum. Trotzdem bilden sie eine erstaunliche Einheit. Gott offenbart sich durch viele verschiedene Stimmen, die sich gegenseitig erklären. Das geschieht immer dann, wenn wir in der ganzen Bibel nach Aussagen zu einem bestimmten Thema suchen. Im Gegensatz dazu bekommt unsere Theologie schnell Schräglage, wenn wir hier und da einen einzelnen Vers herauspicken und daraus Schlüsse ziehen.


An vielen Stellen erklärt sich die Bibel selbst. Ein besonders deutliches Beispiel dafür finden wir in den einleitenden Sätzen des Johannesevangeliums. „Am Anfang war das Wort; das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1). Das ist zunächst schwer zu verstehen. Aber man muss nur weiterlesen, dann wird alles erklärt. „Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt“ (Johannes 1,14). Damit ist deutlich geworden, dass am Anfang von Jesus die Rede war.


Auch das Gleichnis vom Sämann zeigt, wie die Bibel sich selbst erklärt. „Die Jünger fragten Jesus, was dieses Gleichnis bedeute“ (Lukas 8,9). In den folgenden Versen erklärte Jesus dann, was er mit seinem Gleichnis gemeint hatte.


4. Dem Text etwas entnehmen, statt etwas hineinzuinterpretieren


Viel zu oft haben wir schon eine fertige Meinung zu einem bestimmten Thema, ehe wir in der Bibel etwas dazu lesen. Das ist eine gefährliche Ausgangslage, weil wir dann oft in der Bibel nach Belegen für unser Denken suchen, statt unvoreingenommen herauszufinden, was die biblischen Autoren zu dem Thema sagen. Wenn wir etwas in den Text hineinlesen, nennt man das Eisegese. Das Gegenteil ist aber richtig, das nennt sich Exegese. Gehen wir exegetisch an einen Text heran, dann versuchen wir herauszufinden, welche Anliegen der Schreiber hatte und welche Inhalte er vermitteln will.


5. Die Bibel ist eindeutig


In ihren zentralen Lehren ist die Bibel klar und eindeutig. Auch dafür hat die Theologie einen Begriff: Perspikuität, was nichts anderes bedeutet als „Klarheit, Verständlichkeit, Deutlichkeit“. Es geht also darum, dass sich die Bibel zu den grundlegenden, wichtigen Lehren klar und unmissverständlich äußert. Natürlich gibt es knifflige Stellen, die auch für Gelehrte, die Hebräisch und Altgriechisch beherrschen, schwer zu verstehen sind. Aber die zentralen Inhalte der christlichen Lehre werden sehr klar dargestellt.


6. Wörtliche oder bildliche Sprache?

 
Die Bibel verwendet unterschiedliche Stilmittel. Manche Aussagen sind wörtlich gemeint, andere sind Bilder, die man übertragen muss. Man kann in beide Richtungen in die Irre gehen. Es führt zu falschen Ergebnissen, wenn man Aussagen, die wörtlich gemeint sind, nur symbolisch versteht („Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern“, Matthäus 28,19). Ebenso falsch liegt man, wenn man bildlich gemeinte Stellen wörtlich nimmt („Wenn du durch dein rechtes Auge zu Fall kommst, dann reiß es aus und wirf es weg!“, Matthäus 5,29). Da hilft das Textumfeld. Es lässt meist eindeutig erkennen, ob der Autor gerade wörtlich zu verstehende Aussagen schreibt oder ob er sich an der Stelle in Bildersprache bewegt. 

7. Vorsicht im Umgang mit unterschiedlichen Verstehensweisen


Die dargestellten hermeneutischen Werkzeuge helfen zwar, die Bibel besser zu verstehen, aber sie können nicht verhindern, dass es zu bestimmten Themen verschiedene Lehrmeinungen gibt. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, jeder Einzelne könne die Bibel auf seine ganz persönliche Art auslegen, da es ohnehin keine vollständige Übereinstimmung gäbe. Liegen unterschiedliche Lesearten der gleichen Bibelstelle vor, dann muss zunächst geprüft werden, ob es sich um eine zentrale Stelle der biblischen Lehre handelt oder nicht.


Zu den Grundlagen des christlichen Glaubens zählen die Lehre von der Dreieinigkeit, die Überzeugung, dass Jesus Gott ist und zugleich Mensch war und die Auffassung, dass man nur durch den Glauben an ihn mit Gott versöhnt werden kann. Auf der anderen Seite stehen die Themen, die nicht von zentraler Bedeutung sind und über die man sich streiten darf. Dazu zählt die Frage, ob Lobpreis mit Orgel oder mit Schlagzeug begleitet werden sollte, wer mit wem in welcher Form das Abendmahl feiern darf, auch alle Details der zweiten Wiederkunft Jesu und der Endzeit gehören dazu. Dazu gibt es viele Meinungen, die sich alle mehr oder weniger klar mit der Bibel belegen lassen. Bei diesen Themen müssen Christen nicht unbedingt übereinstimmen.


Wenn wir jedoch im Bereich der zentralen Themen von der verbreiteten Lehrmeinung abweichen, dann müssen wir vorsichtig sein. Natürlich haben unsere christlichen Traditionen nicht den gleichen Wahrheitsanspruch wie die Bibel, trotzdem kann man auch an der Kirchengeschichte einige biblische Lehren auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen. Alte Glaubensbekenntnisse zum Beispiel können uns helfen, die christlichen Grundlagen klar zu definieren. Weicht unsere Theologie stark von dem ab, was die ganze christliche Kirche über zweitausend Jahre für wahr gehalten hat, dann sind wir vielleicht im Irrtum.


Neben dem Blick in die Kirchengeschichte kann auch das Gespräch mit einem Pastor sinnvoll sein. Oft hilft der Austausch mit jemandem, der sich viel mit der Bibel beschäftigt und mit vielen Interpretationsformen vertraut ist.


Weiter ist es wichtig, dass wir bei allen Lehrfragen immer in der Liebe bleiben, mit der Jesus uns liebt. Bei allen Diskussionen muss der Ton freundlich und gütig sein, auch wenn es große inhaltliche Unterschiede zwischen den Parteien gibt.


Hermeneutik ist ein weites Feld, aber diese wenigen Punkte können schon eine Hilfe sein, „die Botschaft der Wahrheit unverfälscht“ weiterzugeben (2.Timotheus 2,15). Das Wichtigste ist jedoch, dass wir den Heiligen Geist bitten, unsere Gedanken zu leiten und uns den Inhalt der Schrift zu erklären. Er hilft uns, die Wahrheit zu sehen und zu verstehen.

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