Sechs Wege, den Heiligen Geist wahrzunehmen

 

Wenn es um den Heiligen Geist geht, beobachten wir unter den Christen oft zwei Extreme. Die einen versuchen mit allen Mitteln, etwas von seiner übernatürlichen Kraft zu erleben, die anderen blenden ihn weitgehend aus.

 
Manche Christen streben besonders danach, durch den Heiligen Geist vermittelte emotionale Erfahrungen zu machen. Andere fühlen sich auf besondere Weise von ihm geführt: „Ich fragte Gott, ob ich mich mit Rahel verabreden sollte. Plötzlich sah ich eine Plakatwand, deren Hintergrund genau die Augenfarbe von Rachel hatte. Ich bekam eine Gänsehaut und wusste, dass der Heilige Geist zu mir geredet hatte!“
 
Auf der anderen Seite stehen die Christen, die zwar an die Existenz des Heiligen Geistes glauben, sich aber nicht vorstellen können, dass er ganz praktisch in ihrem Leben wirkt. Ihre Beziehung zu ihm entspricht in etwa meiner Beziehung zu meiner Schilddrüse: Ich bin wirklich froh, dass sie da ist, weil sie lebensnotwendige Prozesse in meinem Körper steuert, und ich hoffe, dass ich sie nie verlieren werde … aber ich unterhalte auch keine direkte Beziehung mit ihr. Für Christen, die den Heiligen Geist so sehen, ist er keine aktive Person, sondern eher eine Theorie. 

Als Jesus seinen Jüngern das Kommen des Heiligen Geistes ankündigte, sprach er davon, dass es für sie gut wäre, wenn er in den Himmel zurückkehren würde, weil dann der Heilige Geist zu ihnen käme. „Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Helfer nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Johannes 16,7 NGÜ). Doch würde man die Christen heute fragen, ob sie lieber Jesus an ihrer Seite hätten oder den Heiligen Geist, der in ihnen wohnt, was würden die meisten da wohl sagen?

Daran erkennen wir, dass wir gar nicht wirklich verstanden haben, was Jesus uns versprach, als er vom Kommen des Heiligen Geistes redete.

Im Buch der Apostelgeschichte wird der Heilige Geist neunundfünfzig Mal erwähnt. In neununddreißig Fällen wird uns berichtet, dass er zu den Menschen sprach. „Doch halt“, wenden hier manche Christen ein, „das Buch der Apostelgeschichte ist für uns heute kein Maßstab mehr. Das war damals eine ganz besondere Zeit und die Apostel waren ganz besondere, von Gott auserwählte Leute.“ Zugegeben, die Apostelgeschichte beschreibt eine bestimmte Phase der Geschichte des Christentums. Aber die Apostelgeschichte ist das einzige Buch, in dem Gott uns zeigt, wie die Gemeinde Jesu unter der Leitung des Heiligen Geistes funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Geschichten nichts mit unserem Leben zu tun haben sollen. John Newton formulierte das so: „Wieso sollte die Leitung durch den Heiligen Geist, die für die ersten Christen so wichtig war, für uns heute keine Rolle mehr spielen?“

 

Wie wir seine Gegenwart erfahren können

Wie können wir denn nun den Heiligen Geist wahrnehmen? Wenn wir darüber nachdenken, fallen uns sofort einige abschreckende Beispiele ein. Manche Christen halten eine emotionale Bewegung, eine seltsame Eingebung oder ungewöhnliche Umstände für das Reden des Heiligen Geistes. Doch wenn ich die Bibel lese, fallen mir sechs Formen auf, in denen der Heilige Geist sich äußert: im Evangelium, durch die Bibel, durch die Gemeinde, durch unsere Gaben, während wir beten und durch seinen übernatürlichen Einfluss auf unsere Umstände.

 

1) Im Evangelium

 
Ich war selbst überrascht, als ich entdeckte, wie oft Paulus die Fülle des Heiligen Geistes mit einem tieferen Verständnis des Evangeliums gleichsetzte. So schrieb Paulus in seinem Brief an die Epheser, dass er dafür betete, dass sie die Kraft hätten, „die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe. Ja, ich bete darum, dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ihr auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist.“ (Epheser 3,18-19 NGÜ). So setzte Paulus das Verstehen der Liebe Gottes damit gleich, mit der Fülle des Lebens von Gott erfüllt zu werden. 

Der Puritaner Thomas Goodwin (1600-1680 in England) verglich diese Erfahrung mit dem, was ein kleines Kind erlebt, wenn sein Vater es in die Luft wirft, auffängt, sich mit ihm im Kreis dreht und lachend erklärt: „Du bist mein Sohn und ich liebe dich!“ Rein rechtlich und biologisch war der Kleine schon die ganze Zeit über der Sohn seines Vaters, aber während er in den Armen seines Vaters landet, spürt er ganz tief, dass er das Kind dieses Mannes ist. Wenn der Heilige Geist uns füllt, dann gießt er die Liebe Gottes in unsere Herzen aus, sodass wir Papa zu Gott sagen können.

Und in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben und hat unser Herz durch ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass er uns liebt.

Denn der Geist, den ihr empfangen habt, macht euch nicht zu Sklaven, sodass ihr von Neuem in Angst und Furcht leben müsstet; er hat euch zu Söhnen und Töchtern gemacht, und durch ihn rufen wir, wenn wir beten: »Abba, Vater!«

Römer 5,5 und 8,15

 

2) Durch das Wort Gottes

Am meisten redet der Heilige Geist durch die Bibel zu uns. Der Heilige Geist arbeitet an uns, damit wir zu den Menschen werden, die Gott haben will, und damit wir die Dinge tun, die Gott gefallen. Fast immer, wenn es in der Bibel um den „Willen Gottes“ geht, steht das im Zusammenhang mit der Veränderung unseres Charakters nach Gottes Vorstellungen. Vielleicht sollte man an dieser Stelle nicht in Prozentzahlen denken, aber ich schätze, dass 99,4 % von allem, was der Heilige Geist zu uns sagt, in der Bibel gefunden werden kann. Der Heilige Geist will, dass wir Jesus ähnlicher werden: „Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind. Er ist das Bild, dem sie ähnlich werden sollen, denn er soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein“ (Römer 8,29 NGÜ). „Lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist“ (Römer 12,2 NGÜ). Der Heilige Geist hilft uns, den Weg der Weisheit zu beschreiten: „In jeder Hinsicht helfen dir Einsicht und Besonnenheit, dein Leben so zu führen, wie Menschen es tun, die Gott die Treue halten. Redliche, rechtschaffene Menschen dürfen im Land bleiben und darin wohnen“ (Sprüche 2,20-22 Gute Nachricht Bibel). Indem wir uns daran orientieren, tun wir den Willen Gottes.

 

3) Durch die Gemeinde

 
In der Apostelgeschichte finden wir immer wieder Berichte vom Reden des Heiligen Geistes in der Gemeinde. „Eines Tages, während die Gemeinde dem Herrn mit Gebet und Fasten diente, sagte der Heilige Geist: ‚Stellt mir Barnabas und Saulus für die Aufgabe frei, zu der ich sie berufen habe!‘“ (Apostelgeschichte 13,2 NGÜ). Gott offenbarte der Gemeinde, was Saulus und Barnabas tun sollten. Immer wieder sprach Gott durch Leute aus den Gemeinden zu Paulus und ließ ihn wissen, was er tun sollte und wohin er gehen sollte. Ebenso gab Paulus auch Timotheus Anweisungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich daran etwas geändert haben könnte: Gott spricht weiterhin durch Angehörige der Gemeinde zu seinen Kindern. 

 

4) Durch unsere Gaben

Paulus schrieb: „Bei jedem zeigt sich das Wirken des Geistes auf eine andere Weise, aber immer geht es um den Nutzen der ganzen Gemeinde“ (1.Korinther 12,7 NGÜ). Auch durch die Gaben, die Gott uns gibt, leitet er uns. In seinem Buch „Der König von Narnia“ beschreibt C. S. Lewis, wie die Kinder vom Weihnachtsmann Waffen und andere nützliche Geschenke für den bevorstehenden Kampf gegen die Hexe und ihre Anhänger erhalten. Zunächst erkennen sie das noch nicht, aber später sind diese Geschenke sehr wertvoll. Peter hat ein Schwert bekommen, mit dem er den Angriff auf die Hexe leiten kann, Lucy stellt fest, dass ihr Geschenk ein heilendes Öl ist, das die im Kampf Verwundeten wiederherstellen kann. Damit drückt Lewis bildlich aus, was Paulus an die Christen in Korinth schrieb: Wir können Gottes Willen für unser Leben an den Gaben ablesen, die er uns gegeben hat. 

 

5) In unserem Geist

An vielen Stellen lesen wir in der Bibel von Menschen, die von Gott geleitet wurden, indem er ihnen eine besondere Last aufs Herz legte. Als Nehemia nach Jerusalem reiste, um die Stadt wieder aufzubauen, hatte Gott ihm das nicht ausdrücklich aufgetragen. Er stellte bloß fest, dass Gott ihm den Wunsch, die Mauern wieder aufzubauen, ins Herz gegeben hatte: „Ich hatte noch keinem Menschen gesagt, was mein Gott mir ins Herz gegeben hatte und was ich für die Stadt tun wollte“ (Nehemia 2,12 Gute Nachricht Bibel). Als Paulus nach Athen kam, fiel ihm all der Götzendienst auf und er ärgerte sich darüber. „Während Paulus nun in Athen auf die beiden wartete, sah er sich in der Stadt um. Empört und erschüttert stellte er fest, dass ihre Straßen von zahllosen Götterstatuen gesäumt waren“ (Apostelgeschichte 17,16 NGÜ). Er nahm seine Empfindungen zum Anlass, in der Stadt zu bleiben und das Evangelium zu predigen. Später erklärte er das so: „Dabei machte ich es mir zum Grundsatz, das Evangelium nur dorthin zu bringen, wo sich noch niemand zu Christus bekannte; denn ich wollte nicht da bauen, wo schon ein anderer das Fundament gelegt hatte“ (Römer 15,20 NGÜ). Zunächst war sein Dienst eher weitläufig gewesen – er hatte mit allen möglichen Leuten über das Evangelium diskutiert und überall Gemeinden gegründet – doch dann erlebte er, wie der Heilige Geist seinen Dienst fokussierte. Auch wir empfinden manchmal eine heilige Unzufriedenheit mit einer Situation, oder eine bestimmte Verheißung aus der Bibel geht uns nicht mehr aus dem Kopf. Das ist auch eine Form, wie der Heilige Geist versucht, uns in eine bestimmte Richtung zu lenken.

 

6) Durch Umstände

Wenn wir die Lebensgeschichte von Paulus studieren, fällt immer wieder auf, dass er offene oder geschlossene Türen als Zeichen von Gott nahm und sich dadurch lenken ließ. „Außerdem habe ich vor, noch bis Pfingsten in Ephesus zu bleiben; denn hier haben sich mir große und vielversprechende Möglichkeiten eröffnet“ (1.Korinther 16,8 NGÜ). Er blieb länger in Korinth als geplant, weil dort eine Offenheit für seine Botschaft herrschte. Das nahm er als Führung von Gott. Mehr brauchte Paulus nicht, um zu wissen, was Gott von ihm wollte. Es gab weder eine Prophetie noch einen Schriftzug am Himmel, kein Engel war ihm erschienen – er hatte einfach nur eine offene Tür.

Dabei muss man aber vorsichtig sein. Nicht jede offene Tür ist ein sicherer Hinweis für Gottes Willen. Jona hatte eine offene Tür, um nach Tarschisch zu fahren: Die Schiffsleute nahmen ihn bereitwillig mit. Trotzdem wollte Gott eigentlich, dass er in genau die entgegengesetzte Richtung gehen würde. Auch bedeutet nicht jede verschlossene Tür, dass dieser Weg nicht Gottes Willen sei. Paulus sprach auch nicht nur von der offenen Tür in Ephesus, sondern auch von zahlreichen Schwierigkeiten. „Meine Anwesenheit in dieser Stadt ist auch deshalb noch nötig, weil es zahlreiche Gegner gibt“ (1.Korinther 16,9 NGÜ). Er deutete die Schwierigkeiten als Zeichen dafür, dass er noch bleiben sollte, nicht als Zeichen zum Gehen.

 

Locker und vernünftig bleiben

Kaum ein Satz hat in den Gemeinden so viel Schaden angerichtet wie: „Der Herr hat mir gesagt …“ Wenn es um den Heiligen Geist geht, müssen wir genauso vernünftig sein wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch. Die Bibel bleibt dabei immer der Maßstab für alles. Der Heilige Geist wird niemals etwas sagen oder tun, was im Widerspruch zur Bibel steht.

Wir haben die Bibel als geschriebenes Wort, auf das wir uns stützen können. Bei allen anderen Eindrücken und Wahrnehmungen müssen wir vorsichtig sein. Wenn wir spüren, dass der Heilige Geist uns in unserem Inneren etwas sagen will, dann muss das der Prüfung anhand der Bibel und durch die Gemeinde standhalten. Paulus hat ausdrücklich dazu aufgefordert, alle Prophetien zu prüfen. Doch wie das genau gehen soll, hat er nicht beschrieben. So lässt sich zusammenfassend sagen, dass alles Reden und Wirken des Heiligen Geistes etwas vage und schwer zu fassen ist, auch was die Beurteilung und Prüfung betrifft. Doch das stimmt mit dem überein, was Jesus über den Heiligen Geist sagte. Er sei so geheimnisvoll und wenig zu fassen wie der Wind, der an uns vorbeistreicht. „Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist” (Johannes 3,8 NGÜ).

 

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