Bloß nichts verpassen – eine Angst, die älter ist als die sozialen Medien

Schon 2013 wurde im Oxford Englisch Dictionary, das dem deutschen Duden entspricht, die Abkürzung FOMO aufgenommen. FOMO steht für „Fear Of Missing Out“, in Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen. In den letzten Jahren wurde das zu einem feststehenden Begriff und zu einem weitverbreiteten Phänomen, was natürlich mit der zunehmenden Bedeutung der sozialen Medien zu tun hat.
Aber wer denkt, FOMO gäbe es erst, seit es die sozialen Medien gibt, irrt sich. Die Angst, etwas zu verpassen, ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst.
Es hat auch vor dem Aufkommen der sozialen Medien schon Angst gemacht, nicht zu einer Party eingeladen zu werden, einen Insider-Witz nicht zu verstehen oder keine Ahnung von dem Thema zu haben, über das die anderen sich gerade unterhalten.
 

Die Angst, nicht dazuzugehören, ist zutiefst menschlich.

 
Wer fester Bestandteil einer Gruppe ist, fühlt sich sicher. Wir sind so geschaffen, dass wir in Gemeinschaften zusammenleben wollen.
Angenommen, man ist Teil einer Dschungel-Expedition und verliert seine Gruppe – die anderen bauen ihr Zeltlager für die Nacht auf, während man selbst völlig alleine herumirrt – keine schöne Situation!
Wahrscheinlich fühlt man sich schrecklich einsam. Seltsame Gedanken drängen sich auf. „Ob die anderen mich überhaupt vermissen? Vermutlich kommen sie auch ganz gut ohne mich zurecht. Sie brauchen mich nicht.“ Man wird unsicher. So ganz allein in einer teilweise feindlichen Natur zu sein, fühlt sich bedrohlich an und macht Angst.
Man würde sich viel sicherer fühlen, wenn man mit den anderen zusammen wäre. Allein unterwegs zu sein, fühlt sich nicht gut an. Dieses Gefühl erlebt man auch im Umgang mit den sozialen Medien. Die Angst, nicht dazuzugehören, hat durch die rasante Verbreitung der sozialen Medien zugenommen und sich verstärkt, aber neu ist sie nicht. Allerdings hat man heute eine doppelte Angst: Man möchte weder in den sozialen Medien noch in der realen Welt zum Außenseiter werden. Insofern hat sich das Problem verdoppelt.
 

Je mehr man dazugehören will, desto größer wird die Angst

 
FOMO, die Angst, etwas zu verpassen, hat enorme soziale Auswirkungen. Wer sich von ihr leiten lässt, wird sich bemühen, von jedem Treffen im Freundeskreis zu erfahren und immer bei allem dabei zu sein. Er wird darauf achten, keine Nachricht zu verpassen, die neuesten Memes zu kennen und alle Insider-Witze zu verstehen. Das ist auf Dauer sehr kraftraubend. Zunehmende Erschöpfung wird dazu führen, dass Kraft und Zeit für die berufliche Arbeit und für andere Dinge und Personen schwinden. Die einzige Befriedigung, die man erfährt, ist das Gefühl, Bescheid zu wissen und dazuzugehören. Aber um diesen Zustand aufrecht zu erhalten, darf man nie müde werden, nie nachlassen, man muss ständig darum kämpfen, auch weiterhin nichts zu verpassen. Wer von dieser Einstellung beherrscht wird, kann sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben.
Das Selbstwertgefühl wird dabei immer abhängiger von der Meinung der anderen, was ein gefährlicher Zustand ist. Wer hat schon Zeit, auf jedes einzelne Mitglied der Gruppe persönlich einzugehen? Das schafft man weder online noch im persönlichen Kontakt. Zwangsläufig werden Einzelne aus Versehen manchmal nicht über etwas informiert, verpassen immer wieder etwas oder sind irgendwo nicht dabei. Wer sein Selbstwertgefühl mit der Zugehörigkeit zu seiner sozialen Gruppe und deren Anerkennung verknüpft, wird unweigerlich immer wieder verunsichert werden. Wer Anzeichen dafür bei sich selbst beobachtet, sollte sich beeilen, ein paar grundlegende Dinge zu ändern.
 

Freude daran bekommen, nicht bei allem dabei sein zu müssen

 
Grundsätzlich hat unser Selbstwert eigentlich nur mit drei Dingen zu tun: Woraus wir unsere Identität nehmen, was wir aus dieser Erkenntnis tun und was zum Leben anderer beitragen können. Ob wir irgendwo irgendetwas verpassen, ist eigentlich ein ganz anderes Thema, das wir nicht mit unserem Selbstwert verknüpfen sollten. Entscheidend ist doch, was Gott für unser Leben will – ganz unabhängig davon, was andere über uns denken. Wenn wir genau wissen, was Gott von uns will und wir daraus unsere Identität bekommen, dann spielt es keine große Rolle mehr, was wir meinen zu verpassen. Wir können dann sogar Außenseiter sein, ohne dass uns das wirklich etwas ausmacht.
Wer sein Selbstbewusstsein aus seiner Beziehung zu Gott und seinen Werten schöpft, kann gelassen und entspannt bleiben. Wer mit sich selbst zufrieden ist und seine Sicherheit aus seinem Inneren bezieht, wird in sich selbst ruhen, während er manchmal auch absichtlich nicht an einer Aktivität seines sozialen Umfeldes teilnimmt.
Selbstwert kann sich entwickeln, wenn wir uns selbst gut finden, ohne dabei zu hohe Ansprüche an uns selbst zu stellen. Perfektion ist grundsätzlich unerreichbar. Aber wir können schlechte Gewohnheiten ablegen und uns ein gutes Verhalten angewöhnen. Hauptsache, wir machen Fortschritte in den Dingen, die wichtig sind. Darauf kommt es an. Perfektion ist niemals das Ziel, niemand ist perfekt. Aber wir können uns entwickeln und in den Dingen, die uns wichtig sind, weiterkommen: Kirche, Beziehungen, Gesundheit, kluges Verhalten in finanziellen Dingen … das alles lässt sich immer weiter verbessern. Hier können wir Woche für Woche, Monat für Monat unsere Fortschritte beobachten und bewusst registrieren. Das wird unser Selbstbewusstsein stärken. Wir können versuchen, in der ersten Woche 10.- Euro zu sparen. In der zweiten Woche sparen wir 15.- Euro, dann 20.-. Ein Jahr später können wir zufrieden auf ein erhebliches finanzielles Polster schauen und haben uns das systematische Sparen angewöhnt. Unerwartete Ausgaben und größere Anschaffungen werden uns nicht mehr unvorbereitet treffen und in Schwierigkeiten bringen. Ein Fortschritt, auf den wir stolz sein können.
Wer auf diese und ähnliche Weise sein Selbstvertrauen stärkt, wird immer weniger von der Angst bestimmt werden, etwas zu verpassen.
 
 
 

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